Thoughts

Ergeben und Vergessen

Sie fahren nach Hause.

Es schneit. Die Beiden kommen zufällig aus derselben Gegend.

Niemals hätte sie damit gerechnet, dass der Tag noch kommt, an dem er sich mit ihr alleine in einem geschlossenen Raum befinden würde. Keine Möglichkeit einem Gespräch auszuweichen. So lange hatte sie auf die Chance gewartet ihm einmal alles zu erklären. Ihm all die Fragen zu stellen die sie monatelang nicht haben schlafen lassen. Doch nun war es zu spät. Sie hat sich endlich damit abgefunden. Sie hat gelernt, dass es wohl Dinge gibt, die ungeklärt bleiben.

Für immer.

Worte sind eine große Waffe. Einmal ausgesprochen vermögen sie tiefe Wunden zu reißen. Ich glaube allerdings die Unausgesprochenen reißen noch tiefere.Und somit saß sie nun neben ihm, mit ihren geleckten Wunden der unausgesprochenen Worte und der unbestrittenen Kämpfe. Kämpfe, die lange schon ausstanden, sie zu kämpfen jedoch endlich zu spät war. Sie zu kämpfen er nie bereit war. Monate zuvor wollte sie ihm so unendlich viel sagen, doch nun –

Stille.

Es gab wirklich nichts, was sie dieser Person noch mitzuteilen hatte, denn sie hatte endlich eingesehen, dass er niemals kämpfen würde. Nicht mit ihr und vor allem nicht für sie.Gegen die endlose Stille und Ignoranz einer Person anzugehen ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es ist aussichtsloser denn je. Wären es in diesem Fall wenigstens nur die Windmühlen gewesen, hätte sie es leichter gehabt. Nein, dieser Kampf war ein anderer. Auch wenn man tobt und schreit und um sich schlägt muss man sich den Windmühlen früher oder später ergeben. Wenn man Glück hat kommt diese Einsicht irgendwann, auch wenn es vielleicht Jahre dauert. Man stellt dann fest, dass diese nur die Vorboten für die wahrhaftige Schlacht sind. An diesem Punkt wird es ernst, woraufhin sich viele wieder umdrehen, der schmerzhaften Wahrheit den Rücken kehren. Sie fangen wieder an mit den Windmühlen zu kämpfen oder, was vielleicht noch schlimmer ist, sie beginnen sich mit ihnen zu arrangieren. Und das ist der Anfang vom Ende. Vom Ende eines wahrhaft erfüllten Daseins in unsere Welt. Kein Gegner wird je größer, beängstigender und schmerzhafter sein als das eigene Ich. Groß ist der Kampf den niemand anderes mit dir austrägt. Da ist niemand der dir Angriffsfläche bietet.

Keine Chance für Projektion.

Es ist eine Angelegenheit, die nur du ganz alleine und mit dir bestreiten musst, denn kein Feind kann dir so viel Leid zufügen wie du dir selbst. Keiner der dich so richtet. Keiner der dich so hintergeht. Aber nun ist es ihr klar – Der wohl schwerste aber wichtigste Kampf, ist der, den man mit sich alleine austrägt. Selbstverständlich ist es einfacher sich immer wieder neue Sparringspartner zu suchen. Eine Art Flucht vor der Wahrheit, vor dem Alleinsein und vor sich selbst. Man flieht meist sein Leben lang vor dem härtesten Kampf, der einem hoffentlich lieber früher als später bevorsteht. Viele von uns werden ihn niemals kämpfen, denn sie suchen sich systematisch neue Gegner aus. Sie „bestreiten“ so ihr ganzes Leben.Für sehr viele ist es ok in dieser Illusion zu leben und ich finde es schon fast tragisch, da sie sogar in ihr sterben, weil sie sie nicht einmal bemerken. Andere wiederum bemerken zwar, dass etwas nicht stimmt, aber sie schleppen sich lediglich von einem Schlachtfeld zum nächsten ohne richtig glücklich zu sein. Sie machen immer wieder andere für ihre Situation verantwortlich, ohne sich jemals dem Endgegner zu stellen –

Sich selbst.

Und jetzt, wie sie da so bei ihm im Auto sitzt. Neben ihm, ganz nah. Da wird ihr plötzlich bewusst, dass es trotz der gewonnenen Einsichten nicht unbedingt leichter ist.Innerlich spürt sie, dass dieser Kampf immer noch nicht ganz gewonnen ist. Viel Zeit, viel Kraft und viele Einsichten hatte es gebraucht sich den Windmühlen zu ergeben. Und als sie endlich angefangen hat die Kämpfe mit sich auszutragen, wurde sie nach langer Zeit ruhiger. Obgleich die  Wunden noch nicht ganz verheilt sind…

… so wird die Zeit ihr übriges tun.

Er öffnet ihr die Autotür. Sie verabschiedet sich.

Endlich angekommen.